15.3.10

Lesevergnuegen - Hermann R.

Hermann R. stand im Steinbruch und seufzte. Die Sonne oben schien hell und heiß, und Hermann hat geschwitzt. Er dachte, „wie lange bin ich heute hier gewesen? Vielleicht sechs Stunden? Jeden Tag wache ich früh im kleinen Bett auf, wenn man diesen eingeklammerten Holzkasten ein Bett nennt, und dann werde ich in diesen verdammten Steinbruch gebracht, wo ich arbeiten muss. Das ist mein dritter Sommer hier. Ich erinnere mich an den ersten Tod, den ich hier gesehen habe. Der Mann, der auch Hermann geheißen hat, wurde aufgehangen. Ich habe ihn nicht wohl gekannt, aber es war ein schrecklicher Tod. So viele Personen, die mit mir hier in Buchenwald gebracht worden sind, sind jetzt tot. Ich möchte nicht mich fragen, ob ich bald auch sterbe.“



Hermann schaute sich um und bemerkte die anderen Menschen, die Steine mit ihren eigenen Händen im Steinbruch gruben. Ein Paar dieser Menschen machten auch eine Pause von der Arbeit, aber schnell begannen sie, wieder zu graben. „Ich soll diese Pause beenden, damit ich keine Strafe bekomme,“ sagte Hermann sich. Er begann auch, wieder zu graben. Die Steine schnitten Hermanns schon verwundete Hände ein. Er dachte, „Jedenfalls gibt es hier viel Zeit. Ich kann an diese Situation und die Situation Deutschlands nachdenken“ Er blickte wieder auf die anderen Mitarbeiter, und er versuchte, die Leiche, die in der Nähe von ihnen lag, zu ignorieren. „Wir sind alle so mager, besonders die Juden. Wir haben ja mehr Wasser als letztes Jahr, aber die Juden bekommen nur vierhundert Gramm Brot und ein bisschen Suppe pro Tag. Was haben sie den Nazis getan?“ Nach einem Moment dachte er, „Was habe ich ihnen getan?



„Ich erinnere mich an die erste Zeitung gegen die Nazis, die ich je gelesen habe. Ich war jung dann, aber ich habe den Namen des Schriftstellers gut gekannt. Er hat Arvid Harnack geheißen, und er war Jurist und auch Wirtschaftswissenschaftler. Ich habe einmal gehört, dass er in den USA studiert hat! Zuvor hatte ich nicht gewusst, was die Machtergreifung für unser Leben bedeutet hatte. Er hat so überzeugend über die Veränderung geschrieben; diese Machtergreifung sei schlecht für die Weltökonomie gewesen, hat er gesagt. Natürlich war die Situation schlecht vor den Nazis; Millionen von Personen hatten keine Arbeit. Aber diese Machtergreifung war keine Lösung. Ich habe geglaubt, dass seine Zeitung gut war, aber ich habe mich mehr für die sozialen Probleme interessiert, also habe ich mich entschieden, meine eigene Zeitung zu schreiben.



„Ich habe gut gewusst, dass ich festgenommen werden würde, wenn die Gestapo mich gefunden hat. Trotzdem war es wichtiger für mich, anderen zu helfen. Es war mir klar, dass die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei unser schönes Land zerstören würde. Zuerst sind die Kommunisten in Schutzhaft festgenommen worden. Ich bin natürlich kein Kommunist, aber sie haben nie etwas gegen unser Land gemacht. Wenn die Nazis sie in Schutzhaft gestellt haben, habe ich gewusst, dass andere unschuldigen Personen auch in Schutzhaft gestellt werden könnten.“

Hermann schaute einem Mann zu. Dieser Mann hatte mit ihm früher gesprochen und sagte, dass er Mitglied der „weißen Rose“ gewesen sei. Er war nur seit zwei Wochen in Buchenwald, aber er sah sehr schlecht und mager aus. Hermann dachte, „Wie habe ich so lange überlegt? Ich bin hier seit drei Jahren, aber ich sehe nicht so schlecht wie er aus. Vielleicht haben meine Gedanken mir geholfen. Ich habe viel Zeit im Gefängnis verbracht, aber ich habe nie daran gezweifelt, dass meine Ideen richtig waren. Ich muss auch überleben, um meine Schwester wiederzusehen. Ich hoffe, dass alles ihr gut geht, und dass sie nicht meinetwegen von der Schule ausgeschlossen ist. Ich muss sie wiedersehen.“

Hermann stand auf, um einen großen Stein zu bewegen. Plötzlich gab es ein Geräusch. Hermann fiel zum Land, erschossen. Der Stein fiel von seinen Händen mit seinen Träumen und Hoffnungen.


Quellen: http://www.buchenwald.de/, http://www.bkffm.siemavisuart.de/sonst/kzbuchenwald.html
http://www.dhm.de/lemo/html/nazi/widerstand/index.html
http://www.youtube.com/watch?v=L-ZJfe5uh-o&feature=related
http://www.glasnost.de/hist/ns/nazi2.html

3 comments:

  1. Das ist eine rührende Geschichte. Sie haben sie so schön geschrieben, auch wenn es sehr traurig ist. Vielen Dank!

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  2. Ja, so schön und so dramatisch! Sehr gut geschrieben, und natürlich ein Vergnügen zu lesen. Der Leser unbedingt empfind die Gefühle eines Gefangenes.

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  3. Diese Geschichte ist bittersüß. Deine Prosa ist superb, und ich schätze, dass du Hermann am Ende nicht zornig oder charakterschwach gemacht hast.

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